
ZÄHIGKEIT DER BAMBUSSPROSSEN (Code 205) - Pu Huang
Befürchte nicht, langsam zu gehen!
Befürchte
stehen zu bleiben.
Chinesisches Sprichwort
Im Land Sung lebte eine Familie, deren Tugendliebe über drei Generationen nicht nachließ. Die schwarze Kuh, die dieser Familie gehörte, brachte auf unerklärliche Weise ein weißes Kalb zur Welt. Sie baten Konfuzius um eine Erklärung.
„Es ist ein Glückszeichen“, behauptete Konfuzius.
„Opfert es Gott.“
Ein Jahr später erlahmte der Vater der Familie plötzlich grundlos, sodass er sich überhaupt nicht mehr bewegen konnte.
Die Kuh hat erneut ein weißes Kalb zur Welt gebracht, und der Vater bat erneut seinen Sohn, Konfuzius zu fragen.
„Du hast ihm beim letzten Mal gefragt und wurdest ganz gelähmt, warum sollte ich ihn wieder fragen?“
„Die Worte des Weisen sehen anfangs so aus, als ob sie der Tatsache wiedersprechen würden, später zeigt es sich jedoch, dass sie damit übereinstimmen. Das Ende der ganzen Angelegenheit ist uns noch nicht bekannt, frage ihn erneut.“
Der Sohn fragte erneut Konfuzius, der behauptete, dass das Kalb ein Glückszeichen sei und ihm wieder riet, das Kalb zu opfern. Der Sohn kam nach Hause zurück und sagte es dem Vater.
„Mache es so, wie Konfuzius gesagt hat“, befahl ihm der Vater.
Ein Jahr später wurde auch der Sohn plötzlich gelähmt. Kurz danach überfiel der Staat Chu den Staat Sung und umzingelte die Stadt. Die Menschen tauschten gegenseitig ihre Kinder aus und aßen sie. Sie zerschlugen die Knochen und nutzten sie als Heizmaterial. Alle kampffähigen Männer gingen an die Ringmauern, um zu kämpfen. Mehr als die Hälfte von ihnen starb dabei. Dem gelähmten Vater und seinem Sohn blieb das erspart. Nach dem Ende der Belagerung genasen die beiden und waren munterer als je zuvor.
* * *
Sowohl im Königspalast als auch in den einfachen Hütten wurde diese alte Geschichte oft erzählt. Insbesondere dann, wenn jemand aus dem Haushalt gelähmt war und sein Geist kleinmütig wurde. Und wenn zufällig keine schwarze Kuh ein weißes Kalb zur Welt brachte, und Konfuzius oder ein anderer Weise in der Nähe war, wurde der Kranke meistens mit der Heilkraft der Kräuter behandelt. Niemand winkte mit einer Zauberrute, und trotzdem begannen erstaunliche Sachen zu geschehen. Gebrochene Knochen wuchsen wieder zusammen. Gedehnte Sehnen wurden wieder verstärkt. Gerissene Bänder taten nicht mehr weh. Gequetschte Muskeln genasen. Risswunden wuchsen wieder zusammen.
Dem Kranken wurde geholfen.
Der Kranke überwand die Krankheit.
Kraftvoll erreichte er neue Macht – als wenn ein Bambusspross zusehends wächst.
Und gerade die Zähigkeit der Bambussprossen verlieh der Kräutermischung den Namen, unter welchem wir sie noch heute kennen.
Und Konfuzius klingelte auf seiner Klingel. Wo ist jetzt das Ende des weißen Kalbs?
Laut der traditionellen chinesischen Medizin stillt Pu Huang (Pollen Typhae) Blutungen, bringt das Blut in Bewegung, und löst Blutgerinnsel. Dieses Kraut ist beispielsweise Bestandteil der Kräutermischung Zähigkeit der Bambussprossen (Code 205).
In der modernen Medizin wird es zur Stillung verschiedener auf Verletzungen oder Entzündungen zurückzuführender Blutungsarten genutzt, bei Hypotonie und in der Geburtshilfe.
Nähere Informationen über die traditionelle chinesische Medizin entnehmen Sie den Büchern Auf der Welle der chinesischen Medizin (2002) und Von der Quelle der chinesischen Medizin (2007).
MUDr. Petr Hoffmann